Delmenhorster Schachklub, Jugend-bundesliga

Relegation der Überraschungen
23.06.2013

Bereits zum zweiten Mal nach 2012 hatte die Jugendmannschaft des DSK  zum Relegationsspiel in Bremen gegen den SV Werder Bremen anzutreten. Die heutige Besetzung lautete 1 Lukas Heyne, 2 Tobias Kügel, 3 Dmitrij Kollars, 4 Keno Lübsen, 5 Joel Theurich und 6 Mattis Trätmar. Wurde die letzte Begegnung vor einem Jahr nach regulärem Spiel erst im Blitzen gewonnen, stand das heutige Spiel unter einem anderen Stern.
Doch der Reihe nach:
Spielort war wie immer die Werderhalle in der Hemelinger Straße. Diese hatte sich eigentlich bislang als gutes Pflaster erwiesen, gewann man doch immerhin die Relegation im letzten Jahr (s. o.), und konnte auch beim Schachball ein ums andere Mal ein paar Favoritenstürze feiern. Heute jedoch schien uns der Spielort zum Verhängnis zu werden: Lukas, der sich kurzerhand am frühen Sonntagmorgen entschieden hatte, alleine anzureisen, um sich voll und ganz auf die Partie fokussieren zu können (deshalb schaltete er sogar sein Mobiltelefon aus!), schaffte es nicht vor Betätigen der Uhren zum Spiellokal.  0-1 für Werder also.
Oder auch nicht? Immerhin gab es ja noch die Karenzzeit. Diese schien jedoch für uns dahinzuschmelzen wie eine 12-jährige Teenagerin beim Anblick eines Hundebabys.

Währenddessen das typische Bild an den anderen Brettern: TobiK machte den Eindruck, jeden Moment am Brett einzuschlafen, während Dmitrij einen sizilianischen Drachen auf dem Brett hatte, den sowieso niemand außer ihm verstehen und erklären könnte. Ich (Keno) an 4 spielte mit Weiß gegen eine 300 Punkte schlechtere Gegnerin logischerweise erstmal auf Ausgleich, was sich jedoch als schwerer denn gedacht erwies, da ich zugegebenermaßen auch nicht die besten Züge fand. Eine noch bessere Idee als ich hatte jedoch Joel an Brett 5: Mit den schwarzen Steinen entschied er sich spontan am Brett, einen beschleunigten Drachen als Eröffnung zu wählen. Auf die Frage nach der Partie, wie viel Theorie er in solch scharfen Gefilden denn kenne, überraschte mich die Antwort "einen Zug" ehrlich gesagt nicht. Einzig solide stand Mattis, der erste Drohungen gegen den amtierenden Bremer U12-Meister Long Lai Hop aufstellen konnte.

"Rattazongtäng" ertönte es auf ein Mal aus dem Flur, der in den Spielsaal führte. Handelte es sich tatsächlich um Lukas, der mich hier aus der tiefen Rechnerei stürzte? Ich wollte es erst glauben, als ich sein schelmisches Grinsen und seine Stimme mit den Worten "Tschuldigung! Hat jemand 'nen Stift?" wahrnahm.
Also, alles wieder auf Anfang; 0-0! Nice! Das fühlte sich an wie ein Traumtor für meine Mannschaft. Ich war schon kurz davor, mir mein Trikot auszuziehen und den "Balotelli-Torjubel" zu machen, als mir glücklicherweise bewusst wurde, dass es sich um eine Schachpartie handelte.
Von diesem Ereignis beflügelt zeigte sich nun vor allem TobiK an Brett 2 gegen seinen Freund David Kardoeus. Was Tobi in den nächsten fünf Zügen für eine Traumkombination auspackte, war für den nichtsahnenden Zuschauer nicht zu fassen. Zunächst verschaffte er sich scheinbare Felderschwächen am Königsflügel, dann lief er mit seinem König ins Zentrum, um im Anschluss daran sogar seine Dame zu opfern. Den Höhepunkt dieser glorreichen Taktik lieferte er schließlich mit den Worten "Ja, okay, ich geb auf!" gefolgt von einem Händedruck. Also doch 0-1 für Werder. War heute mal wieder der Wurm drin?

Es sah ganz danach aus. Zwar schien Mattis durch den Gewinn einer Qualität auf Gewinn zu stehen, doch mindestens genauso deutlich stand Joel auf Verlust. Auch ich stand immer noch leicht schlechter, während Lukas gegen David Wachinger eine ruhigere und Dmitrij gegen Fabian Brinkmann eine (s. o.) nicht beurteilbare Stellung auf dem Brett hatten. Für mich begann bereits hier die Rechnerei um die Berliner Wertung. Dabei kam mir immerhin die glorreiche Erkenntnis, das man ein Remis ja einfach streichen konnte, da beide Teams die gleiche Punktzahl in der Berliner Wertung erhalten. Na, immerhin, es schien bergauf zu gehen mit meinen geistigen Leistungen.
Gute anderthalb Stunden geschah jetzt jedoch erstmal nichts. Ich wiederhole: Nichts. N-I-C-H-T-S. Die Zeit schien still zu stehen. Alle bewegten sich nur noch in Zeitlupe. Die Ersten hörten schon auf zu atmen. Nur Joel natürlich nicht, der schmatzte wieder wie ein Wilder vor sich hin. Naja, ich verzeihe Dir hiermit, Joel. Der Grund (fürs Verzeihen, nicht fürs Schmatzen): Durch einen Trick konnte unser Brett 5 das eigentlich total verlorene Endspiel tatsächlich noch zum ganzen Punkt umbiegen. Sauber! Wichtig! Schönes Ding! Ich ertappte mich schon wieder dabei, fast ein "Kommt schon, Jungs, jetzt machen wir noch eins!" in die Runde zu rufen, als mir klar wurde, dass ich gerade Kugelschreiber in der Hand statt Fußballschuhe am Fuß hatte. Puh, noch Mal Glück gehabt.

Und wie! Lukas, der in den eben beschriebenen anderthalb Stunden einen Bauern gewonnen hatte, gelang es, seinen Gegner David Wachinger Matt zu setzen. Durch die Berliner Wertung ein Big Point, wie er im Buche steht. "2-1 DSK! Und der Torschütze... mit der Nummer 1... Lukas HEYNE!!" Ja, okay, lassen wir das.
Diese Führung schien nun tatsächlich alle DSK-Jugendlichen zu beflügeln. So streckte wenig später auch Dmitrijs Gegner Fabian Brinkmann die Waffen, nachdem dieser die Stellung vereinfachen konnte. Dmitrij, mit 86% der Topscorer der abgelaufenen Jugendbundesligasaison, bestätigte hiermit seine Wichtigkeit für unsere Mannschaft. Gegen schwächere Gegner hat unser Küken (nur vom Alter, nicht von der Spielstärke her) unglaubliche 100% geholt. Chapeau! 3-1 also. Das Ding war gegessen. Ein weiteres Jahr Jugendbundesliga für uns. Feierstimmung machte sich breit, doch zunächst mussten die letzten beiden laufenden Partien vernünftig zu Ende gebracht werden. Diese liefen an Brett 6 und 4 bei Mattis und mir.

Mattis, der zwischendurch eine Qualität gewonnen, dann jedoch wieder eine Figur verloren hatte, konnte irgendwie tatsächlich eine Figur zurückgewinnen, sodass er sich im Endspiel mit Mehrqualität wiederfand, das er mit einer starken Technik nach Hause schaukelte. 4-1. Auch von unserem zweitjüngsten Spieler eine starke Jugendbundesligasaison, wobei Mattis ja sowieso im letzten Jahr fantastische Zugewinne feiern konnte.
Somit war es mal wieder an mir, die auf jeden Fall gelungene Relegation abzurunden. Das gelang mir auch, indem ich meine Gegnerin in einem Turmendspiel niederrang. Übrigens auch von mir eine gute Saison, der als Einziger alle Spiele in der Jugendbundesliga und Relegation bestritten hat (wollte ich mal eben gesagt haben).

Auf dem Rückweg durfte nun auch endlich den Fußballemotionen der freie Lauf gelassen werden. Mit Fangesängen wie "Nie meeeeehr Jugeeeeendliga, olé, olé!" machten wir, oder naja, zumindest ich uns auf den Heimweg in Richtung Straßenbahn. Ich freue mich auf ein weiteres Jahr Jugendbundesliga mit dieser zugegebenermaßen chaotischen, aber auch lustigen und vor allem sympathischen Truppe.